Für die großen Dinge unseres Lebens haben wir die Politiker, wenn sie nicht gerade beim Meinungsbildner sind, die Wirtschaftskapitäne, wenn sie nicht gerade auf einer Talk-Show, oder in Davos sind, die Pop-Ikonen, wenn sie nicht gerade in der Klinik sind, und die Sportler, wenn sie nicht gerade, wie im Fall einer bekannten Breitensportart, in eine Schlägerei verwickelt sind. Was uns an Heroischem bleibt, dass sind die Herausforderungen des Alltags, und darüber will ich berichten. Vorausgeschickt sei noch, dass s i e darin vorkommt, s i e ist immer gelassen, kennt alle Termine, handelt vorausschauend, und ist immer belastbar. Dann noch e r, der alle Aufgaben schultert, Alles kann, immer eine Lösung weiß, allerdings nicht immer da ist. Ich selbst bin Naturwissenschaftler und kann Traktor fahren, gute Voraussetzungen auch für Sonderaufgaben, so lange diese nicht mit Drehstrom, oder Programmieren in Maschinensprache verbunden sind. Und so fing es an:

S i e sagte mittags: „Morgen wird die Schrankwand aufgebaut, und der Lichtschalter muss noch von innen nach außen verlegt werden, das hatten wir vergessen, als e r zuletzt hier war. Soll ich einen Handwerker holen?“. „Kein Problem,“ sagte ich, „ich hatte zugesagt, diese Kleinigkeit zu erledigen, es reicht ja, vorläufig den Schalter herauszuschleifen. Mach ich noch, dann können die morgen wie geplant anfangen“.

15:45, ich hatte kurz einen Slot frei, hin zum Schalter: 15:46 Blende abheben. 15:47 Betätigungsknopf abheben. Mit ruhiger Bedächtigkeit arbeitete ich mich weiter vor. Das Schaltergehäuse kam nicht aus der Unterputzdose der Gipskartonwand, Ziehen half nicht, Aufbiegen der 4 Ecken um 90° half nicht, bis ich um 15:58 die beiden Schrauben entdeckte, die das Gehäuse mit der Unterputzdose zu diesem Zeitpunkt noch verbunden hatten. Aha. Aufschrauben, und jetzt der anspruchsvollste Teil: noch unter Strom den ganzen Schalter aus der Dose herausholen, voila, die Operation am offenen Herzen. Obwohl konzentriert, hörte ich Kommentare von Kollegen, die sich jetzt, gegen 16:17 an die letzten Verrichtungen des Arbeitstags machten: „Würde ich nie riskieren …. Davon verstehe ich nichts …. Unglaublich …“. Obwohl konzentriert, stiegen mein Selbstbewusstsein und meine Selbstachtung beachtlich. Stichwort letzte Verrichtungen: ein Stromstoss, 240 V, glaube ich, wäre auf dem gut isolierten, schwarzen Teppichboden wohl nicht tödlich gewesen, Lichtblitz und Stromausfall hätten aber sicher meine eben gestärkte Reputation ausgelöscht.

Nun gut: wie weiter? Um das Kabel durchzuschleifen, müssen die Strom führenden Litzen aus den Klemmen entfernt werden, … am Besten in einer Lüsterklemme fixieren… mit der Isolierzange und dem Stromprüfer arbeiten. Geht nicht, klemmen einfach zu fest! Also am Besten den Strom abstellen, um die verdammten Litzen aus dem Schalter zu bekommen. Das ging dann doch nicht so einfach, an den Sicherungen waren zwar Raumnummern, aber m e i n Licht wollte einfach nicht ausgehen! Ich ging erst einmal Werkzeug holen, schließlich musste ja auch noch die äußere Gipskartonwand für die Kabeldurchführung durchstochen werden.

16:37, s i e war noch da, ich gab meine Anweisung mit ruhiger Stimme: „Bitte den Server runterfahren, ich werde jetzt den Strom abstellen“. Danach machte ich einfach den Fehlerstromschutzschalter für das ganze Stockwerk aus. Der Effekt war verblüffend, das System funktioniert zuverlässig, denn ….. spitze Ausrufe erschallten aus 2 Büros.  Die Kollegen waren noch da, und hatten gerade größere Datenmengen bearbeitet, wie so häufig ohne Zwischensicherung, nun ja, ein, bzw. zwei Opfer, aber hier ging es ja um Größeres, um eine Schrankwand!

Jetzt also: Gipswand aufstechen, Loch ausrunden, Kabel durch, Schalter dran, sah nicht gut aus, das Herz quasi, an 2 Litzen baumelnd, und das eventuell über mehrere Tage, bis e r wieder kommen würde. Kleinlaut, aber schließlich hörte es, jetzt 16:59, niemand mehr, habe ich dann doch i h n angerufen und nach einem Unterputzdosenrigipskreisausschneider gefragt. „Alles klar“, sagte e r, „hatte ich vorausschauend im Werkzeugschrank links unten genau für diesen Fall bereitgelegt. Muss nur noch auf die Bohrmaschine aufgezogen werden“. Ich beendete das Telefonat ziemlich schnell, da sich die Sache, die Herausforderung, meinem Adrenalinpegel folgend, dem Höhepunkt näherte: sollte ich nicht doch gleich den ganzen Schalter komplett und kompetent selbst verlegen? Ich kniff die Augen zusammen, ich, oder die Wand? Oder: die Wand, oder ich?

Kreisschneider montiert, angesetzt: der mittige Bohrer griff ins Leere, wg. des Lochs, das ich ja selbst gerade zuvor gestochen hatte, dadurch gab es keine Führung mehr für die Kreissäge, pardon, den Kreisschneider. Okay, dann eben ohne Führung. Staubte mächtig in reinem Weiß, also Staubsauger holen. Jetzt stand ich doppelläufig wie John Wayne da, Staubsauger einhändig links, Kreisschneider einhändig rechts ….. na, klappt ja gut, wie das rein schneidet ….und dann abrutscht, und die Bohrmaschine phygoid um mein Handgelenk taumelt, und nicht nur den Kreisausschnitt, sondern gleich noch eine ausgebrochene Stelle rechts und rechts unten vom Kreis nicht kreis-, sondern preisgab.

Das Desaster war komplett 17:19, gerade noch 14 Stunden bis zum nächsten Arbeitsbeginn … bis die anderen Fachleute kamen…. Und das mit dem klaffenden Durchbruch in der Wand.

Doch halt! Die beiden Klemmleisten der Unterputzdose griffen noch, zwar nicht quer, wie vorgesehen, aber immerhin noch schräg, wenn die Unterputzdose verdreht  in den Kreisausschnitt gesteckt wurde. Der Rest Gipsen! Das konnte ich besser, hatte ich doch schon mal 347 Dübellöcher nach Abbau eines symmetrisch aufgehängten Regals eines auf der nördlichen Halbkugel beheimateten Herstellers zugegipst, ein Loch war wohl eine Fehlbohrung meines Vorgängers, nicht jeder versteht sein Handwerk.

Jetzt den Gips angerührt, Einbringen in die ausgebrochenen Stellen ging ganz gut, jetzt noch die Fläche abziehen, einige kleinere Beulen und wenige Falten waren trotz hohen handwerklichen Könnens unvermeidbar. Ich erachtete dies als unkritisch, da die Stelle wohlwollend und gut ausgeleuchtet war, so wie im Fernsehen und auf der Bühne üblich.

Jetzt in-liner fahren, damit der Gips trocknen kann. Ich atmete tief durch, der Fahrtwind ohne Staub, der Gips und meine Gedanken reiften. Bewundernde Blicke von 70-jährigen Damen, mitleidige von 14-Jährigen, wie immer im Leben, die Mischung muss stimmen!

Dann das Finale: Abdeckung aufsetzen, und ganz einfach, jetzt der Höhepunkt, den Schalterknopf einsetzen. Verdammt: der stand jetzt quer, wie die ganze, zwar rechtwinklige Abdeckung, jetzt quer eingebaut war! Nun gut: es gibt oben liegende Nockenwellen (OHC, Overhead Camshaft), und es gibt quer liegende Nockenwellen, warum dann nicht ein quer liegender Schalter? Ich räumte die Baustelle sorgfältig auf, schaltete zufrieden noch ein paar Mal, jetzt 21:14, er ging wirklich, der Schalter, und ich jetzt endlich auch, dachte ich. Nur: so konnte ich die Baustelle, den Gipskrater, nicht verlassen! Die Grundreinigung des Teppichbodens dauerte nicht länger als bis 23:05.

Nächster Morgen, s i e, einfühlsam: „Guten Morgen, das hast Du ja prima hinbekommen, das mit dem Schalter!“

Ich: „Guten Morgen. Danke. War ja nur eine Kleinigkeit.“

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