In meiner Firma gibt es feste Arbeitszeiten, und ich war notorisch zeitknapp. Das brachte mir immer wieder missbilligende Blicke ein, egal, ob ich 2 Minuten zu früh, oder 20 Minuten zu spät kam. Ich musste mein Leben ändern. Dabei half mir eine Entdeckung morgens im Rückspiegel: die Kragenknöpfe meines Hemdes waren nicht eingeknöpft! Das holte ich an der nächsten roten Ampel nach, Zeitbedarf 9 Sekunden. Ich erinnerte mich sofort an die nette Person, die gelegentlich auf der Abbiegespur neben mir stand, und während der Rotphase häufiger mit dem Lippenstift hantierte, wenngleich letzterer eher nicht zur Farbe ihres Sportwagens passte. Das war die Lösung: morgendliche Aktivitäten in die Autofahrt zur Arbeit verlegen und so Lebensqualität gewinnen! Dabei dauert meine Fahrt durchschnittlich 42 Minuten, Ortsverkehr, Zwischenstopp beim Bäcker, Autobahn, Landstraße und neuerlich Ortsverkehr. Einmal auf dieser Fährte, arbeitete ich mich systematisch vor: Schlips binden: 83 Sekunden, Hemd zuknöpfen: 57 Sekunden (einschließlich der Kragenknöpfe), Hose 19 Sekunden. Ich war stolz, dass ich mit geringem intellektuellem und manuellem Aufwand jetzt über die Fahrt schon regelmäßig 2:39 Minuten einsparte. Dadurch gingen die Verspätungen zurück, und einmal bekam ich, 5 Minuten vor der Zeit, bereits einen anerkennenden Blick nach meiner Ankunft. Dabei war es nebensächlich, dass die Bäckerin mal sagte: „… entschuldigen Sie, Ihre Hose …. „. Die weitere Analyse zeigte, dass ich in das morgendliche Duschen, Rasieren, Kaffeetrinken und Zähneputzen ungleich mehr Zeit investierte. Mit Duschen im Auto experimentierte ich nur kurz. Ich kann bestätigen, dass die aus der Raumfahrt bekannten Trockengele gründlich reinigen und hautfreundlich sind, allerdings musste aus guten Gründen der Besuch bei der Bäckerin entfallen, und das Anziehen gegen Ende des Autobahnabschnitts mit Wechsel auf die Landstraße war zu umständlich. Kaffee kochen dagegen ging gut. Ich hatte mich für eine Art Dampfkessel mit Pfeifton beim Kochen entschieden, und goutierte fortan 2 Tassen Pulverkaffee während der morgendlichen Fahrt. Zeitersparnis: 9 Minuten! Nur logisch, dass ich jetzt das ganze Frühstück ins Auto verlegte, bei der Bäckerin kam ich ja sowieso vorbei.  Croissons, Marmelade, Käseecken und abhängig vom Angebot in der Bäckerei auch mal Schwartenmagen mit saurer Gurke. Zeitersparnis: 14 Minuten! Ich begann jetzt auch, morgens länger zu schlafen, wobei dies durch meine jeweils neueren Zeitersparnisse gerechtfertigt und ich dann immer noch der Erste in der Firma war. Ich kam jetzt regelmäßig vor der Zeit, und erntete häufiger bewundernde Blicke – war der etwa die ganze Nacht da? Abgelehnt habe ich aber gelegentliche Vorschläge, die Zeiterfassung von Kollegen doch freundlicherweise gleich mit zu starten. Rasieren im Auto, zunächst trocken, ging beiläufig. Da ich meinen Kaffee mit Zucker trinke, war Zähneputzen danach obligatorisch. Das klappte im Auto gleich ganz gut, auch wieder Dank einer Erfindung aus der Raumfahrt – nein, diesmal geht es nicht um die Teflonpfanne. Ganz harmonisch hatte ich auf diese Weise jetzt schon fast die gesamte Dauer der Autofahrt eingebunden. Mit Wohlwollen stellte ich fest, dass an meiner Ampelkreuzung bei Rot mittlerweile emsige Geschäftigkeit herrschte, Rasierer liefen, die nette Person benutzte jetzt gelegentlich einen Haarföhn, Kaffee dampfte, Zigaretten wurden geraucht – klar, da hätte ich als Nichtraucher nicht drauf kommen können – und Schlipse wurden auf dem Autobahnabschnitt jetzt auch schon von Anfängern gebunden. Als Trendsetter, sozusagen, arbeitete ich unablässig weiter, jetzt, im Spätsommer, fast besessen, schließlich mussten elementare Dinge wie Zeitung lesen während der Fahrt vor Einbruch der herbstlichen Dunkelphasen noch gelöst werden. Auf der geraden Landstraße kurz vor der Firma, ich hatte erstmals Filterkaffee gekocht und zelebrierte abschließend gerade das Nassrasieren mit links parallel zum Zähneputzen mit rechts, löste sich plötzlich eine grünes Auto aus der Schlange hinter mir, überholte, bremste mich aus, und schaltete die Leuchtschrift „!!! — bitte folgen— !!!“ ein: Polizei! Breitbeinig, breitschultrig, die Pistole rechts, den Schlagstock links, kam der Fahrer grimmig an mein Fenster, das ich, Schaum am Mund, eben noch geistesgegenwärtig mit dem Ellenbogen öffnen konnte. Beugte sich zu mir herunter: „Guten Morgen, allgemeine Verkehrskontrolle“, prustet dann vor Lachen, winkte seinen Streifenkollegen herbei, zeigte auf mich: „Du, ich hatte recht, der hat doch nicht mit dem Handy telefoniert! Ein Clown auf dem Weg zum Zirkus, und angeschnallt ist er auch!“ und wieder zu mir „Sie können weiterfahren“. Zeitverlust: 3:36 Minuten, das war aber in meinem neuerdings komfortablen Zeitpuffer noch enthalten. In der Firma kam ich dann allerdings in Erklärungsnot wegen der hellen Flecken auf meiner Hose, aber irgendwo musste ich doch meine Zahnbürste ablegen, als ich zum Anfahren den Gang einlegte.

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