Ein schönes Zimmer, weiches Licht, eine helle, freundliche Atmosphäre. Ich war gerade eben aufgewacht, sozusagen ans Bett gefesselt, und spielte, als Frühsport, simultan 3 Partien Blindschach gegen mein alter ego, und 2 seiner Verwandten. Allesamt schwach heute, daher analysierte ich nebenher noch mit jetzt geschlossenen Augen die entscheidende Partie zwischen Bobby Fischer und Boris Spassky, Reijkjavik, 1972. Mann, diese Schachblindheit, ja, ja, d e r Zug, genau der, er hätte halt mich als Berater haben sollen, besser noch: Mich spielen lassen. Allerdings war ich da ja noch gar nicht auf der Welt.

Durch das Fenster sah ich im lichten Grün der Bäume Vögel, interessanterweise konnte ich sie nicht hören. Da zwei meiner Gegner schon aufgegeben hatten, versuchte ich mich zu erinnern, wie alles angefangen hatte …..

Ich schrieb immer ziemlich viele Geschäftsbriefe, und meine Chefin machte immer Druck, ja, ja, Sie wissen schon, cost reduction, Produktivität, ROI, Ebit, die Aktionäre. Damals machte ich eine entscheidende Entdeckung: wenn im letzten Brief, den ich natürlich als Vorlage benutzte, „Sehr geehrter Herr Maierbissl,“ stand, ich jetzt aber Frau Birnhuber zu schreiben hatte, ging ich mit dem Cursor zwischen das e und das r am Ende von „geehrter“, setzte einen Abstand (space, Character(10)) ein, danach gleich ein großes F, einmal Cursor rechts, um dann noch „au“ auszuschreiben. Das sah dann etwa so aus:

Sehr geehrter Herr Maierbissl,

Sehr geehrte r Herr Maierbissl,

Sehr geehrte Fr Herr Maierbissl,

Sehr geehrte Frau Herr Maierbissl,

Sehr geehrte Frau Birnhuber, Herr Maierbissl,

Hier angekommen, hinter dem Birnhuber-Komma, bedurfte es nur noch eines energischen carriage returns (Character(13)), um „Herrn Maierbissl“ in die nächste Zeile zu befördern, wo ich ihn auf bekannte, simple Weise komplett entsorgen konnte. Alle anderen Kombinationen erforderten mehr Tastenklicks, verbrauchten mehr Buchstaben und damit mehr Ressourcen, und dauerten einfach länger.

Die Vorteile liegen auf der Hand: das „r“ konnte ich recyceln, und ich war insgesamt schneller. Im Folgejahr wurden allein in unserer Firme 2819 r´s eingespart. Ich hatte diese Vorgehensweise als Verbesserungsvorschlag eingereicht, und bekam dafür tatsächlich EUR 8,50, lobende Worte, und einen Handschlag von unserem Vorstandsvorsitzenden.

Ich ging dann dazu über, am Ende eines zu schreibenden Textes e`s und r`s zu bevorraten, die anerkannterweise beim Schreiben am Häufigsten gebraucht werden, danach ganze Wörter. „Maierbissl“ hob ich 14 Tage auf, er wurde aber nie gebraucht. Schließlich kam ich darauf, meine Texte oberhalb der Schöpfungsgeschichte zu beginnen. Da standen wirklich viele brauchbare Wörter, und manchmal auch ganze Sätze zur sofortigen Verwendung. Ich bin dann nur deswegen wieder davon abgekommen, weil nun doch häufig gebrauchte Anglizismen fehlten.

Ich war mittlerweile darauf gekommen, Texte der schreiben wollenden Person zu analysieren. Die Anzahl der Wörter kann fast jedes Textverarbeitungsprogramm auszählen, ich aber, ich ging viel weiter: Ich rangierte gleich die verwendeten Wörter nach Häufigkeiten, und dann noch wahlweise nach psychosozialen, assoziativen, sportlichen, naturwissenschaftlichen und kaufmännischen Merkmalen. Ganz beiläufig lieferte diese Vorgehensweise auch noch ein Psychogramm der schreiben wollenden Person, einen Fingerabdruck der Seele, eben nach deren Wortschatz, sprachlichen Möglichkeiten, Bildung, sozialer Kompetenz  und fachlicher Befähigung. Mit diesen individuellen Steilvorlagen, einfach dem neu zu schreibenden Text unterlegt, war jeder neue Text ein Kinderspiel.

Heroisch fing ich mit der Analyse gleich bei mir selbst an, und gab dem Programm zehn 2 – 4-seitige Texte von mir ein: „Sozusagen“; „besessen“; „doch, doch, doch“; „ja, ja“ und „äh“  standen ganz oben. Klar: mit „Sozusagen“  schaffe ich immer Bilder, damit auch Schwächere meinen bahnbrechenden Gedanken und Darlegungen überhaupt folgen können. „Besessen“ charakterisiert meinen Arbeitsstil. Mit „Doch, doch, doch“ und „ja, ja“ muss ich regelmäßig unterstreichen und belegen,  was für Andere, da genial, nicht fassbar ist. Das „äh“ schließlich, dem schweizerischen „odr?“ ähnlich, ermöglicht meinen Gegenübern um deren Verständnis willen einen Wagenrücklauf (carriage return), und gibt Ihnen letztlich auch etwas mehr Zeit, mir zu folgen. Das Programm in Maschinensprache war recht kurz, ich brauchte zum Schluss nur maximal 3 Texte einer Person, um sie mit ihren häufigsten Worten auszustatten, unten im Text, um ihr so die Arbeit zu erleichtern, und, wie gesagt, auch noch ein Psychogramm zu erstellen. Ich konnte so beiläufig nachweisen, dass meine Chefin gewalttätig, der Abteilungsleiter überfordert, und der Geschäftsführer, äh, mit speziellen sexuellen Neigungen ausgestattet war. Natürlich veröffentlichte ich diese Findungen am schwarzen Brett in der Kantine, damit Alle von meinen Findungen profitieren konnten. Am nächsten Tag, auf dem Arbeitsamt, wurde ich nach besonderen Kenntnissen gefragt: „Künstliche Intelligenz.“

So etwas, die Sache mit dem Arbeitsamt, kommt in vielen Biographien außerordentlicher Menschen vor. Dabei war der Fortschritt nicht mehr aufzuhalten. Wie er auf mich aufmerksam wurde, weiß ich nicht mehr, aber wunschgemäß bekam ich einen Termin bei dem Computermagnaten Bill … „Geit´s doch ett?“ sagte an dieser Stelle mal ein Gesprächspartner, ein Schwabe, wahrscheinlich, übersetzt: „(Das) Gibt es doch nicht“, oder „Das kann doch nicht wahr sein!“ Doch, doch, doch. Allerdings schüttelte Bill den Kopf: „37 % meiner Kunden sind Analphabeten, 57 %, die Mehrheit also, schafft gerade mal fragmentarische Texte bis zu maximal einer Seite, nur 4 %  können sich in Schriftform fließend ausdrücken, und nur 2 % schreiben regelmäßig. Und das Programm benötigt doch je Person 3 etwas längere Texte, odr?“ Wirklich schade, na ja, ich hatte es wenigstens versucht. Dennoch war der Gedanke deprimierend: mein kleines Programm, für etwa 12,8 Eurocent mit jedem Betriebssystem ausgeliefert, hätte weltweit Furore gemacht, die Produktivität gewaltig gesteigert, und das jetzt, zum Zeitpunkt globaler Herausforderungen, der Klimakatastrophe, der nächsten Bundestagswahl. Angenommen, meine Tantieme hätte 4 Eurocent je Auslieferung betragen, dann hätte das bei 1 Milliarde Auslieferungen zusammen 40 Millionen Euro ergeben, abzüglich Steuern noch 18 Millionen Euro. Nun, ich bin nicht sonderlich anspruchsvoll, mit dem Geld hätte ich eine Zeit lang forschen können.

Jetzt musterte ich meine Umgebung genauer: weiche Linien, keine Vorsprünge, keine Haken, keine Gardinenschnüre, keine Klinke an der Zimmertür, und das Fenster: wohl bestes Panzerglas, deshalb konnte ich die Vögel nicht hören. Mir wurde etwas unbequem, aber Umdrehen ging halt nicht, zudem waren meine Arme vor meiner Brust fixiert.

Der Durchbruch gelang mir in einer gedanklichen Großtat genau auf dem Zebrastreifen der stark befahrenen, vierspurigen Ausfallstraße: ein einziger fragmentarischer Text, als Zellkultur sozusagen einem weiteren Programm eingeimpft, könnte dann so viele artverwandte Begriffe und Wendungen kreieren und selektieren, dass aus Fragmentariern, immerhin 570 Millionen Anwendern, nicht gerade Schriftsteller würden, sie aber ein selbständiges Schriftleben würden führen können,  ein arbeits-lebenswertes! Ich hatte schon das Programm vor Augen, wenige Fraktale mit sinnvollem Einsatz der Reynold´schen Zahl. Ich war begeistert, tanzte, hüpfte und schrie vor Freude, immer noch auf dem Zebrastreifen, jetzt bei Rot.  3 oder 4 Ignoranten, Autofahrer, Analphabeten, wahrscheinlich, versuchten mich zu halten. Natürlich blieb mir nur noch, sie zu beißen, da sie meine Beine und Arme festhielten, und  ich doch noch die Algorithmen sichern musste! Viel Blaulicht, ein riesiger Stau, an den Notarzt mit der Spritze erinnere ich mich kaum.

Jetzt ging die Tür auf, eine Frau im weißen Kittel, und neben ihr ein hünenhafter Mann, ähnlich gekleidet, kamen rein. Sie: „Guten Morgen Herr Künckelklamm, ich bin Trudi Varell, willkommen in Schönerzappen!“. Er, beiläufig: „Er ist jetzt schon phasenweise wach, nässt allerdings noch stark ein.“ Sie: „Dann noch 4 Tage Valium, 3 mal täglich, jeweils doppelte Dosis“. Er machte das dann wirklich gut, wie er den Plasteschlauch durch meinen Beißring schob, und ich süßen Sirup auf meiner Zunge fühlte. Dabei war ich ja eh schon wieder am Einschlafen, auch wenn ich jetzt schon gerne den nächsten Termin mit Bill vereinbart hätte, sie wissen ja schon, 57 % Fragmentarier, …. die Welt …… .

 

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