Darin wirken mit: Ekelhart Grani-Teisen, Personalchef der größeren Firma, hier kurz EKE genannt, und Delin Quent, Bewerber, hier kurz DELI genannt.

Freitagnachmittag, 16:00, schwüle Hitze:

EKE: Ich begrüße Sie, Herr Quent. Vorausgeschickt sei, dass wir normalerweise nur mit Bewerbern bis 25 Jahre mit 4-jähriger Berufserfahrung sprechen …

DELI: Ich bin doch erst 26 und habe bereits 3-jährige Berufserfahrung ….

EKE: Eben, deshalb fallen Sie ja auch aus unserem Raster raus. Dennoch eingeladen haben wir Sie auf Grund Ihrer Abiturnoten. Wie eigentlich wurden Sie auf uns aufmerksam?

DELI: Ein Bekannter ist Volontär bei Ihnen, und hat ……

EKE: Das begrüße ich sehr, dann kennen Sie ja schon unser BEWEBEM, bewerberorientiertes Berufseinstiegsmodell.  Dann bringen Sie ja schon eine reale Einschätzung – real estimate, ha-ha-ha – mit, es ist kaum zu glauben, mit welch überzogenen Erwartungen manche Bewerber kommen.

DELI: Noch kenne ich nicht alle Vorzüge Ihres Berufseinstiegsmodells …

EKE: Die skizziere ich hier kurz: Sie können 1 Jahr als Volontär bei uns arbeiten, und zahlen dafür EUR 240,00 pro Monat. Bei Eignung übernehmen wir Sie als Praktikant ohne Zahlungsverpflichtung, und Sie leisten 1 Jahr unbezahlte Arbeit für uns. Wiederum bei Eignung, bezahlen wir Ihnen dann EUR 240,00 pro Monat für 1 Jahr training-on-the-job. Sie sehen also, dass dieses Modell über 3 Jahre kostenneutral für das Unternehmen und sozial ausgewogen auch für Sie ist, schließlich sind wir dann ja Ihnen, unseren weiteren Mitarbeitern und den Aktionären verpflichtet. Nach 3 Jahren zahlen wir über 12 Monate 60 % eines durchschnittlichen, branchenüblichen Einstiegsgehalts für die Stelle, die wir Ihnen dann anvertrauen werden. Nach 4 Jahren schließlich zahlen wir wiederum für die Dauer von 12 Monaten 80 % dieses Gehalts. Sie sehen also, dass Sie auf diesem Wege in 5 Jahren kurzfristig eine volle Stelle mit voller Bezahlung bei uns erarbeiten können. Sie wären dann trotz Ihres heute schon fortgeschrittenen Alters erst 31, und hätten Ihren vollen Berufseinstieg deutlich vor dem heutigen Durchschnittsalter von 36 erreicht.

DELI: Sind Probezeit und Kündigungsschutz …..

EKE: … branchenüblich? Ja. Wir kommen unsererseits in den ersten 3 Jahren mit einer Frist von 1 Tag, im 4. und 5. Jahr mit einer Frist von 2 Tagen, und in der vollen Stelle mit einer Frist von 3 Tagen aus. Für Sie gilt von Beginn an und durchgehend eine Kündigungsfrist von 12 Wochen. Schließlich müssen wir als Unternehmen unserer Verpflichtungen wegen längerfristig planen. Eine Probezeit von 12 Monaten haben wir nach Ihrem Antritt der vollen Stelle nach 5 Jahren vorgemerkt, insgesamt also 6 Jahre Probezeit. Schließlich können wir Ihre Leistungen erst nach Ablauf dieser Zeit umfassend beurteilen, und manche Charaktereigenschaften erkennt man erst nach Jahren.

DELI: Sind die Arbeitszeiten ……

EKE: … moderat bemessen? Ja, 59 Stunden in der Woche, Schichtarbeit inkludiert. 48 Stunden pro Woche führen nachweislich zu Unterforderung des Stelleninhabers, 62 Stunden halten wir für Ausbeutung. Die Arbeit an Samstagen, Sonn- und Feiertagen ohne Zuzahlung können wir mit einer Vorlaufzeit von 12 Stunden anweisen, den Schichtwechsel auf Grund diesbezüglicher, gesetzlicher Vorgaben nur mit einer Vorlaufzeit von 24 Stunden.

DELI: Gewähren Sie Urlaub?

EKE: Ja, auch hier sind wir vorbildlich. Nachdem man die Amerikaner nicht immer zum Vorbild nehmen sollte, sie bekommen typischerweise 10 Werktage Urlaub pro Jahr, bieten wir 6 Tage Urlaub bis zum 50. Lebensjahr, ab 50 gibt es dann einen Tag Urlaub je Lebensjahrzehnt extra, so dass mit 80 ein Urlaubsanspruch von 10 Arbeitstagen resultiert, den man natürlich nicht zwingend nehmen muss – ha-ha-ha.

DELI: Gleich in diesem Zusammenhang, wie sieht Ihr Unternehmen den Ausgleich im Krankheitsfall?

EKE: Fortschrittlich, fortschrittlich: Sie können für jeden Fehltag wahlweise das 1,5-fache an Urlaub, oder das 1,5-fache an Arbeitszeit z.B. in zusätzlichen Nacht- und Wochenendschichten einbringen. 1,5-fach deswegen, weil die Reibungsverluste auf unserer Seite ungleich höher sind, als die reine Fehlzeit des Stelleninhabers.

DELI: Auch gleich in diesem Zusammenhang: Arztbesuche?

EKE: Ermöglichen wir. Wir haben Vereinbarungen mit mehreren niedergelassenen Ärzten mit Sprechstunde von 22:00 bis 03:00, so dass Sie, Tagschicht vorausgesetzt, jederzeit zum Arzt gehen können.

DELI: Und kurzfristige Verhinderungen?

EKE: Kein Problem. Hier wollen Sie uns bitte bis zu 4 Ersatzkräfte nennen, die in diesem Fall für uns kostenneutral für Sie einspringen, typischerweise Väter, Brüder, Freunde, Lehrer.

DELI: Gibt es Fortbildungsmöglichkeiten?

EKE: Viele, viele! Wir erwarten, dass der Bewerber profunde Kenntnisse mindestens auf folgenden Gebieten hat: Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Statik, Statistik, Bildverarbeitung, Präsentationen, Multi-Media, Netzwerktechnik, Konfliktvermeidung, Internet, BWL, und 2 Programmiersprachen …..

DELI: Ich kann Englisch …

EKE: Ach ja, die Fremdsprachen. Wir erwarten 3 Sprachen fließend: wahlweise schwäbisch, bayrisch oder sächsisch, dann wahlweise amerikanisch, spanisch, oder französisch, und schließlich wahlweise koreanisch, indisch, oder chinesisch. Japanisch, so sehen wir das, ist eher von regionalem Interesse, ein Wahlfach sozusagen – ha-ha-ha. Ach ja, und jetzt zur Fortbildung: wir erwarten, dass Sie sich nebenher auf allen genannten Gebieten aus eigenem Interesse permanent und zu eigenen Lasten weiterbilden.

DELI:  Leisten Sie einen Fahrtkostenzuschuss?

EKE: Ja, wir haben einen frei zugänglichen Behälter mit Altöl für die Schmierung von Fahrradketten.

DELI: Und Essenzuschuss?

EKE: Zuschuss? Viel weitergehend: Wir haben alle Aufzeichnungen seit dem frühen Mittelalter sorgfältig ausgewertet, immer in Mangelzeiten war die Volksgesundheit am Besten. Daher übernehmen wir alle Kosten für Wasser und Brot, Wasser ganztags, Brot von 12:10 bis 12:20 für die Tagschicht, und von 01:10 bis 01:20 für die Nachtschicht. Mit dieser freiwilligen Leistung steigern wir natürlich gleichzeitig die Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter, nicht ganz uneigennützig – ha-ha-ha.

DELI: Haben Sie eine Betriebsrente?

EKE: Ja. Wir erwarten den Anstieg des Rentenalters auf 82, und haben dann nach einer Ruhephase von 5 Jahren, etwa die Zeit, in der wir unsere Bewerber ja an Ihre Stellen heranführen, bei Wohlverhalten eine kleine Betriebsrente ab 87 Jahren vertraglich vorgemerkt.

DELI: Gibt es weitere Sozialleistungen?

EKE: Keine Angst, hier kommen keine Belastungen auf Sie zu. Unsere Aktionäre sind überwiegend gut abgesichert, Sie brauchen nichts zu deren Versorgung aufwenden. Wir sehen es allerdings gerne, wenn Sie auf den im Abstand von 14 Tagen folgenden Aktionärstreffen ohne Anspruch auf Stundenlohn Champagner, Kaviar, und zur Erfrischung Channell Nr. 6 reichen. In dem Zusammenhang gleich noch zu Ihrem Sozialverhalten, wie war doch gleich Ihre Durchschnittsnote im Abitur?

DELI: 0,7

EKE: Ok, dann wollen wir hier von weitergehenden Forderungen unsererseits Abstand nehmen, in diesem Fall reicht es uns, wenn Sie kein Rambo sind, und das juristisch haltbar ist.

DELI: Und wann kann ich mit dem Volontariat beginnen?

EKE: Morgen zur Frühschicht um 02:00, auf Grund der boomenden Auftragslage fehlen uns Kräfte am Fließband. Vorher müssen Sie natürlich den Vertrag unterschreiben, Sie haben ja noch hinreichend Bedenkzeit – ha-ha-ha. Augenblick noch, in diesem Zusammenhang ein Nachtrag zur Geheimhaltung: Bereits jetzt, und dann natürlich nach Unterschrift gilt Schweigepflicht zu allen vertraglichen Punkten. Wir wollen schließlich nicht von Bewerbungen überschwemmt werden – ha-ha-ha!

Hier endet die Aufzeichnung, über das weitere Schicksal der Beiden können wir zu diesem Zeitpunkt keine Angaben machen. Diesbezügliches finden Sie vielleicht in der Tagespresse unter den einschlägigen Rubriken.

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