Ich schätze Nachtfahrten mit dem Auto. So wie jetzt. Mit mir und meinen Gedanken allein sind alle Wahrnehmungen auf den Ausschnitt im Scheinwerferkegel reduziert. Das schafft Räume für kognitive Höchstleitungen. So wie jetzt. Vorausgeschickt sei, dass ich kein Politiker bin, den internationalen Führerschein besitze, einen Hund habe, und als Naturwissenschaftler häufig England besuche. Kognitive Fähigkeiten haben mich schon immer fasziniert, ist doch hier die Harmonie von Medizin, Technik und Geisteswissenschaften in vollem Umfang gegeben. Eine noch höhere Schwierigkeit stellen kognitive Schwächen dar, Disharmonien im o.g. Spannungsfeld, sozusagen. Bekannt ist die Legasthenie. Die Toleranz dafür ist heute so weitgehend, dass es schon fast eine Schwäche ist, kein Legastheniker zu sein. Aus den genannten Gründen richtete ich schon des Längeren meine ganze Energie darauf, Fehlleistungen des Gehirns und damit Schwächen bei mir und bei anderen zu identifizieren. Und ich bin fündig geworden, bei mir und bei anderen. Ich meine damit nicht, dass Politiker das Wahlversprechen, und manche Firmen und Konzerne die Mitarbeiter vergessen. Das sind partielle Amnesien, die uns schließlich alle betreffen  .. die Hausaufgaben ….der gestrige Abend ….. der Geburtstag der Angetrauten. Nein hier geht es um Höheres:

„Rechts oder links?“, das ist eine Frage die mich nicht betrifft. Ich weiß unabhängig von der Tageszeit, schlaftrunken, liebestrunken, freudetrunken, betrunken und nüchtern, wo links und rechts ist. Anders als ein guter Bekannter, der sich bei Fragen nach dem Weg, an seiner Armbanduhr orientierte, um dann entschlossen Richtungsangaben nach Links zu machen. Allerdings muss er gelegentlich duschen, und dann …. kommt es vor, dass seine Angaben anschließend unzutreffend sind. Klar, denn wohin mit der Uhr, nach dem Duschen? Etwas schwieriger für mich ist es dann doch jedes Mal, ob der Kavalier nun links, oder rechts von der zu begleitenden Dame geht. Hier hilft eine einfach Pferdebrücke: Letztere, die Pferde, werden, so sagte man mir, immer von links bestiegen. Gilt auch für Flugzeuge, sagte man mir, letztere werden, da die Flieger des ersten Weltkriegs aus der Kavallerie kamen, immer von links bestiegen. Warum also nicht auch Damen von links begleiten, so einfach kann man sich das merken. Auch das mit dem Tür öffnen kann man sich rational erklären: ist mit Arbeit verbunden, deshalb durch den Kavalleristen zu betätigen. Dann Stehen zu bleiben, um sie zuerst durchzulassen, gebietet die Taktik: Immer noch die Türe haltend, ist mann ganz einfach näher dran.

„Männle oder Weible?“ schallt es oft auf württembergischen Spazierwegen, zumindest dann, wenn ich mit dem Hund, genauer, mit der Hündin unterwegs bin. Klingt wie: „Stehen bleiben, oder ich schieße!“. Ganz klar: hier geht es um Existenzielles. Hier habe ich mir den bedingten Reflex angeeignet, lauthals „Weible“ zu schreien, was den anderen Hundebesitzern etwas sagt. Mir nicht. Ein guter Freund versuchte es mir zu erklären: Männle und Weible geht meist gut, wenn beide freilaufend. Zwei Männle, Rüden, bestimmen die Hackordnung sofort untereinander, meinte er, geht meist gut. Nur zwei Weible, aufeinander losgelassen, beginnen den Zickenkrieg, so wie in den Medien. Oder war es doch, so wie in den Medien und in der Politik, der Mackerkrieg, Entschuldigung, der Machokrieg unter den Männern? Verdammt, ich kriege das einfach nicht auf die Reihe, auch wenn ich noch so lange überlege.

„Dreiviertel Vier?“.  Diese Frage ist für mich noch viel schlimmer, weil alle meine diesbezügliche Schwäche sofort erkennen.  Dabei ist das logisch wirklich nicht zu lösen: Sind die 45 Minuten, um die es hier geht, nun schon eine zu ¾ verbrauchte Stunde, oder noch eine zu ¾ volle Stunde? Ich begreife das einfach nicht, und dann kommt der Andere schlimmstenfalls mit einem süffisanten „Wie wäre es mit Viertel Vier?“. Verdammt, wieder eine m e i n e r Schwächen.

Das veränderte Umfeld zeitigt neue Schwächen, wie ich mühelos beweisen kann. Die frühen Flieger, so sagte man mir, fühlten sich wie der Mittelpunkt einer Uhr. Wenn sich Ihnen gegenüber, eben in der „12 Uhr Position“ ein anderes Flugzeug befand, war dieses auf Kollisionskurs: Gefahr! Links wurde mit 09 Uhr Position erklärt, rechts mit der 03 Uhr Position, Nachtflug ab 21 Uhr Position gab es offensichtlich noch nicht. War diese einfache Zuordnung etwa ein frühes Attribut an die Links/Rechts-Schwäche? Unabhängig davon: welcher Pilot kann heute noch mit diesen Angaben umgehen, im Zeitalter der digitalen Uhren?

Gleich noch so ein Beispiel: Wer geht zuerst die Treppe rauf, sie, oder er? Es war mal so, dass barocke Damen, Entschuldigung, Damen im Barock,  Röcke derart zu raffen hatten, dass, wenn auch vielleicht beiden nicht ungelegen, tiefere Einblicke dann ermöglicht worden wären, wenn sie voraus ging. Also musste er, so wollte es die Etikette, voraus gehen. Nur, was nutzt diese Erklärung in einer Stresssituation, wenn die Treppe gleich hinter der Tür beginnt, und alle anwesenden weiblichen Wesen Hosenanzüge tragen? Ganz klar eine evolutionsbedingte, neue Schwäche, die, verdammt noch mal, auch mich betrifft.

In diesem Moment, der Phase tiefer gedanklicher Schöpfungen, kommt mir auf der wenig befahrenen Straße  jetzt, dreiviertel 20 Uhr, die Fahrbahnmarkierung im Regen kaum zu erkennen, ein Fahrzeug in 12 Uhr Position rasend schnell entgegen. Die Lichter, die Lichter … genau auf mich zu …… verdammt, fahre ich jetzt gerade in Deutschland, oder in England?

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