Grell der Schmerz: der französische Weichkäse, Innentemperatur ca. 12 °C, hatte sich zart, aber vollflächig um die Backenzähne gelegt! Der Versuche, ihn mit der Zunge dort, wo er richtig weh tat, zu entfernen, dauerte viel zu lange. Mit Kaffee gurgeln gilt als unschicklich, Bürste und Wasser zu weit entfernt. Es half alles nicht, es war soweit, der Zahnarztbesuch war unvermeidlich, jetzt, wo die Reue ob nicht wahrgenommener Termine belanglos war.

Auf dem Stuhl, in Rückenlage fand ich mich wieder, zwei Vermummte über meinem offenen Mund. „Eins eins, eins zwei, eins drei okklusal, eins vier dental, eins fünf vertikal…… „, so, oder so ähnlich, ging es um mir unbekannte Zusammenhänge. Und mein Weichkäsezahn? „Sieht gar nicht besonders schlimm aus, wir versuchen, es in mehreren Sitzungen mit Fluorid-Lack hinzukommen. Wenn die Behandlung nicht anschlägt, müssen wir uns auch mal von einem Zahn trennen.“ Müssen w i r uns auch mal trennen? Ich begriff ihn blitzschnell, den Witz vom Huhn und vom Schwein, über Eier mit Speck zum Frühstück: „You are committed, but I am involved!“. Jetzt also war ich selbst das Schwein, heavily involved, manche Witze sollte man besser nicht weitererzählen. Oder war es so gemeint, dass er, falls es soweit kommen würde, einen seiner Achter, solidarisch, kundenorientiert in der gleichen Sitzung mit einbringen würde?

Erste Diagnose: professionelle Zahnreinigung unabdingbar, dann Lackieren (s.o.), erst dann reparieren. Jetzt ging es richtig los: 32 Zähne hat der Mensch bauplanbedingt, macht 32 Vorderseiten, 32 Rückseiten, und 30 Zwischenräume. Und die alle jetzt bitteschön einzeln, erst manuell mit Schaber, dann maschinell mit Ultraschalllanzette, dann mit Polierwerkzeug. Fräse, Schlagbohrer, Turbinengeheul, nicht gut klangen sie die Geräusche aus meinem Esszimmer. Bei eins sechs versuchte ich mich abzulenken: auf dem Rücken liegend, mit geschlossenen Augen, dafür aber mit weit offenem Maul unter dem grellen tropischen Licht, war ich jetzt ganz einfach ….. ein Alligator, um den sich ein Schwarm Putzervögel bemühte. Ich erinnerte mich, dass Alligatoren in dieser Situation nie zuschnappen, und versuchte, es ihnen gleich zu tun.

Vögeln und gleichzeitig Alligatoren nachzuhängen macht Spaß, lenkt aber nur zeitweise ab. Glücklicherweise fiel mir unser Sanitärfachmann ein, der kürzlich die Urinale im Herren WC sanierte: Der Urinstein sei das Problem, sagte er, der bildet sich in Sekundenbruchteilen, blitzschnell, einzige Prophylaxe dagegen: Häufiger mit einem speziellen Urinsteinlöser spülen! Warum kam da niemand früher drauf: In Restaurants, Kantinen, zu Hause am Frühstückstisch, einfach Steinlöser auf den Tisch, häufiger spülen, jetzt als gesellschaftsfähig anerkannt! O.k., ein Spucknapf, besser aus Porzellan, die Edelstahlpreise sind zu hoch, müsste noch in größeren Stückzahlen produziert werden. Bei einem Durchschnittshaushalt mit 2,8 Personen, zuzügl. Restaurants und Kantinen, käme man mit etwa 30 Millionen Näpfen, jetzt nur für Deutschland, hin. Das würde die Wirtschaft um Selb und Meißen herum ankurbeln, wie überhaupt der Gewinn für die Volkswirtschaft durch verringerte Zahn-Krankheits-Ausfallzeiten immens wäre! Jetzt erwarte ich den Anruf von Ulla.

Danach, schließlich war der Zahnstein das Problem, – aua, drei sieben ! -, versuchte ich es mit einer Rechenaufgabe: 80.000.000 Bundesbürger haben theoretisch 2.560.000.000 Zähne. Wenn es nun gelingen würde, von jedem Zahn 2 mg Zahnstein bergmännisch abzubauen, würde dies 5.120.000.000 mg Zahnstein geben, umgerechnet 5,12 Tonnen bundesweit, bei 2 Terminen im Jahr immerhin 10,24 Tonnen. Nun ja, nicht besonders viel, aber für den Fußboden des Bundeskanzlersamts würde es reichen. Es wäre dies ein schöner Akt unbedingter Solidarität, bundesweit, sozusagen. Falls es bei der Färbung regionale Unterschiede zwischen Kaiserstuhl, Allgäu und Jever geben sollte, könnten noch ein Schriftzug wie „Von uns, in Dankbarkeit“ eingearbeitet werden. Die weiteren Vorteile: inert gegen Bier, Rotwein und Scheuermittel, wer weiß schon, wer da noch alles einzieht.

„Sie können jetzt ausspülen“ – ich war tatsächlich eingeschlafen, mit Maulsperre, sozusagen. Ich stellte fest, dass sie, jetzt ohne Maske, sehr ansprechend aussah. Alle weiteren Gedanken verwarf ich sofort, schließlich kannte sie mich jetzt sehr gut, von innen, sozusagen. Ich bezweifelte, dass meine weiteren Merkmale, Humor zum Beispiel, diese Eindrücke noch kompensieren konnten.

Aus der Psychologie ist bekannt, dass Prügel eine Form der Zuwendung ist. Dankbar für die etwas andere, hier erfahrene Zuwendung verließ ich die Praxis, nicht ohne den nächsten Termin ausgemacht zu haben. Wie jedes Mal mit dem festen Vorsatz, es nicht mehr so weit kommen zu lassen.

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